Vision & Creativity

“Wissen Sie, was Busnelli hat? Er ist reflexschnell wie ein Formel 1 Fahrer:
in einem Augenblick entscheidet er.”
So beschreibt der Architekt Marco Zanuso in einem Interview mit dem Journalisten Giorgio Bocca Piero Ambrogio Busnelli. Ein Mann mit untrüglichem Instinkt, der zu großen Einblicken fähig ist. Hinter der wunderbaren Geschichte von B&B Italia steckt Piero Ambrogio Busnelli und seine außergewöhnliche Vorstellungskraft.

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Piero Ambrogio Busnelli

Abenteuer, Herausforderung, Innovation. Von Anfang an experimentiert Busnelli mit neuen Materialien. Konzentriert sich auf eine Alternative zum Schaumstoff, auf modernste Technologien und entwickelt eine Idee, die die Möbelbranche revolutionieren wird. Der industrielle Prozess, den sich Busnelli 1966 vorstellt, ist heute, ein halbes Jahrhundert danach, immer noch beinahe identisch. Auf die Frage von Cesare Cassina “Aber was ist Ihre Idee?” antwortet Busnelli: “Meine Idee ist ein Rahmen aus Eisen und nicht mehr aus Holz, der in eine Form eingesetzt wird. Die Form wird dann verschlossen und mit kaltem Polyurethan gefüllt, und nach 30 Minuten entsteht ein Produkt, das schon herausgenommen werden kann”.

Bereits in den Anfängen ist die mit den Cassina gegründete C&B in der Lage, eine einfache Möbelfabrik in etwas ganz Besonderes zu verwandeln.

Einerseits die Tradition, die Zusammenarbeit mit den besten italienischen Architekten, die natürlichen Produkte und die Handwerklichkeit; auf der anderen Seite Innovation, Technologie und die Idee des industriellen Prozesses. Zwei Welten, die sich vermischen, um etwas völlig Neues zu schaffen. Mit dem Entwurf des Marken-Logos wird eine weitere Nummer Eins beauftragt: Bob Noorda.

Das Projekt des neuen Firmensitzes zeichnen die jungen Architekten Afra und Tobia Scarpa, Urheber des Gebäudes von Benetton in Ponzano. Nach einer sorgfältigen Studie über Räumlichkeiten und Produktionsorganisation ist das Werk in Novedrate bis heute ein perfektes Beispiel für Funktionalität. Busnelli hat wirklich ein Auge für Talent. Genauso wie 6 Jahre später Renzo Piano. Der 1973 entworfene neue Firmensitz ist ein Beaubourg in Miniatur mit dem gleichen technologischen System, das wenige Jahre später in Paris verwendet wird. Technologie als Mittel zur Erfindung der Form. Das Gebäude von Renzo Piano in Novedrate ist zu einem Manifest der Geschäftsidee geworden, die Busnelli von Anfang an im Sinn hatte. Eine Modernitätsformel: Innovation der Materialien, die Suche nach Lösungen in der Entwicklung, funktionelle Flexibilität der Produktsysteme, formale Dauerhaftigkeit und lange Beständigkeit.

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1968, Factory B&B Italia - Novedrate (Como)

1971-1973, Headquarters B&B Italia - Novedrate (Como)
1971-1973, Headquarters B&B Italia - Novedrate (Como)
1971-1973, Headquarters B&B Italia - Novedrate (Como)
1971-1973, Headquarters B&B Italia - Novedrate (Como)

Neue kreative Möglichkeiten eröffnen sich den großen Namen der Welt von Cassina: Gianfranco Frattini, Marco Zanuso, Vico Magistretti, Mario Bellini, Afra und Tobia Scarpa. Sie sind es, die das erste Vorhaben realisieren, das von Anfang bis Ende für die industrielle Serienfertigung gedacht wurde: der Coronado. Der Sessel ist in Einzelteile zerlegt und wird mit nur 2 Schrauben montiert, perfekt, um in die ganze Welt versandt zu werden. Busnelli trifft mit Coronado ins Schwarze. Das Projekt wird zum Symbol für eine neue Industriekultur. Es ist das erste Polstermöbel, bei dem jede Metallstruktur im Polyurethan eingebettet wurde.

In fünf Jahren entstehen diverse Ikonen des italienischen Designs.

Diese werden von innovativen Werbespots begleitet, deren Schöpfer Enrico Trabacchi, Art Director legendär gewordener Kampagnen ist. 1969 ist das Jahr der Serie Up von Gaetano Pesce, unbestrittene Ikone der Modernität. Up ist eine Revolution sowohl aufgrund der Anwendung der Polyurethan-Technologie als auch hinsichtlich seiner Präsentation auf dem Markt: Man kaufte den Sessel vakuumverpackt wie eine riesige bunte Scheibe, die beim Öffnen der Verpackung ihre ursprüngliche Form wieder annahm.

Mario Bellini erzählt, wie 1972 die Serie Le Bambole entstand, als Trabacchi Oliviero Toscani hinzuzieht. “Le Bambole ist wie ein riesiges Kissen, das heißt, das Sofa ist nicht in Kopfstütze, Armlehnen, Rückenlehne usw. gegliedert, sondern ein einteiliges Objekt. Dabei handelt es sich um eine absolute Neuheit, das erste mal ist ein Polstermöbel wie ein gepolstertes Kissen und nichts weiter.“ Die 1972 entworfenen Le Bambole erhalten im selben Jahr den Compasso d'oro, den Goldenen Zirkel, einen der ersten, der für ein Möbelstück vergeben wurde. Damit wird das italienische Design zu einem internationalen Phänomen. 1972 wird im MoMA New York “The New Domestic Landscape” eröffnet. C&B ist mit 2 Installationen präsent, eine davon stammt von Gaetano Pesce.

Nach fünf Jahren übernimmt Busnelli alle Aktien von Cassina und ändert den Namen von C&B in B&B. “Ich sollte zur Universität gehen, doch mein Vater sagte zu mir: hör mal, Giorgio, ich brauche dich, komme in die Firma. So trete ich 1973 in die Firma ein und arbeite im Forschungszentrum. So begann mein Weg bei B&B Italia” erzählt Giorgio Busnelli.

Mit der Entstehung von B&B Italia wird in Novedrate das Zentrum für Forschung und Entwicklung ins Leben gerufen, das bei C&B von Beginn an bei der Zusammenführung von Designern, Unternehmen, Technologie und Produktion eine Schlüsselrolle gespielt hatte.

Das Zentrum geht aus der Erfahrung dieser außerordentlichen ersten sieben Jahre hervor und schon bald werden auch Marketing und Kommunikation integriert. Es ist das historische Gedächtnis, das Archiv von Ideen und Prototypen, Experimenten und technischen Lösungen. An der Spitze dieses Teams stehen Rolando Gorla und Federico Busnelli. Männer mit Verstand, die seit mehr als 40 Jahren in engem Kontakt mit den Designern leben und mit dem technologischen Fortschritt, den Gesetzen des Marktes und den sozialen und ästhetischen Veränderungen Schritt halten. Neben ihnen auch die neuen Generationen: Ambrogio Spotti, und Massimiliano Busnelli, der Sohn von Giorgio

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CR&S, Centro Ricerche & Sviluppo - Piero Ambrogio Busnelli

1975 ist das Entstehungsjahr von Maxalto. Die erste Einrichtungskollektion aus Holz von Afra und Tobia Scarpa (Artona 1975, New Armony 1979) verlangt ein neues Verfahren, zwischen Neuinterpretation klassicher Formen und Handwerkstechniken der Kunsttischlerei. Seit 1993 ist Antonio Citterio der Designer, der die Maxalto Kollektionen entwickelt und koordiniert und deren Prestige und Konsistenz in der Welt bestätigt.

In den 80er Jahren kommt es zu radikalen Veränderungen. Eins der innovativsten und von geänderten Lebensgewohnheiten geprägte Produkte ist Alanda von Paolo Piva. Piva gehört zu den Architekten, die im engen Kontakt mit dem Zentrum für Forschung & Entwicklung arbeiten. 1984 ist das Jahr des zweiten Compasso d’Oro. Es handelt sich um den vom Studio Kairos entworfenen Schrank Sisamo, wodurch sich B&B Italia auch bei der Einrichtung des Schlafbereichs als innovatives Unternehmen beweisen kann. “Harry ist ein ganz normales Sofa, aber ich beschloss, einen Fuß an die Kante zu setzen. 30 Jahre später scheint das absolut normal zu sein, weil heute Sofas mit einem Fuß an der Metallkante absolut klar und natürlich sind.” Wir befinden uns mitten in den 80er Jahren. Antonio Citterio zeichnet eine Reihe erfolgreicher Artikel. 1987 ist der Moment von Sity gekommen, der das Konzept des Sofas in ein Sitzsystem mit zahlreichen Verwendungsmöglichkeiten verwandelt: Ausruhen, Gespräch, Erholung. Wenn die Gestaltung der Wohnräume immer komplexer wird, müssen für die Formen neue Strukturen gefunden werden. “Ich nenne das Wissenschaft des Verstehens von Bewegungen und Entwicklungen” meint Citterio. Und wieder gibt es einen Goldenen Zirkel. Der Dritte. Er kommt 1989 und ist der erste, der jemals an ein Unternehmen vergeben wurde.

Eine Herausforderung nach der anderen. Auch auf den internationalen Märkten: Amerika, Brasilien, Japan, Spanien und nicht nur im Bereich Wohnlösungen, sondern auch im Hotelwesen sowie in den Bereichen Büros und Showrooms.

Das Zentrum für Forschung & Entwicklung erweist sich als entscheidend in einem Bereich, der nicht nur Produkte, sondern auch Lösungen komplexer Probleme verlangt. B&B Italia wird zu einem internationalen Bezugspunkt für das Design im Bereich Objektmöbel. Das erste Abenteuer ist das Meridien Hotel in Kuwait. Viele andere folgen. Das Puerta America in Madrid, das Aman Canal Grande in Venedig, das Mandarin Oriental in Barcelona und Mailand, das Hotel Gallia in Mailand und das Bulgari in London und Mailand. Große Hotels in aller Welt mit Gesprächsecken im Freien sind perfekte Rahmen für die Outdoor-Kollektionen, wie zum Beispiel die von Patricia Urquiola, die 2007 mit der Sesselserie Canasta präsentiert wird.

1992 feiert Piero Busnelli seinen 65. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt hat er bereits einen Teil der Verantwortung des Unternehmens auf seine Kinder und die neuen Manager übertragen, deren Anzahl seit der Gründung von 3 auf 23 gestiegen ist. Aber das Leben und seine Fähigkeit, diese zu ergreifen, bieten ihm eine neue Chance, bei der er nicht einen Augenblick lang zögert. “Auch ich war bei diesem Gespräch anwesend. Mein Vater wollte gar nicht glauben, dieses Angebot von Pierluigi Cerri zu erhalten. “Ich stehe zur Verfügung. Das gesamte Zentrum. Sagen Sie mir, wann ich kommen soll. Und ich werde mit meinen Leuten da sein”. Von da an ist das Unternehmen 50:50 mit der Costa und B&B Italia Marine wird ins Leben gerufen. Von da an werden wir zum führenden Unternehmen, fertigen 32 Kreuzfahrtschiffe, die von meinem Vater und meinem Bruder Emanuele, der in jenen Jahren in die Firma eingetreten ist, selbst zu 100% direkt betreut werden. Das war kein leichtes Unterfangen.” erinnert sich Giorgio Busnelli.

Beim Abenteuer B&B Italia Marine werden alle langjährigen Erfahrungen ins Spiel gebracht: das Forschungszentrum, der Bereich Objektmöbel und die Qualität der Arbeit der Designer. Als er mit dem neuen Unterfangen beginnt, entscheidet sich Busnelli, die Schlüsselrollen an seine Kinder zu delegieren.

“Es war im Jahre 2000, als ich dachte, dass der Moment gekommen sei, den Vertrieb zu qualifizieren und Flagship Stores zu eröffnen”

Giorgio Busnelli hat keinen Zweifel: die internationale Vision des Vaters muss durch die Stärkung der Identität des Unternehmens konsolidiert werden. Die Geschäfte in London, Paris, Mailand, New York, Peking, Taipeh, München und Tokio werden eröffnet.

B&B Italia hält es für notwendig, besser erkennbar zu sein. Es sind die Designer, die die Seele der Marke interpretieren müssen, nicht darf die Marke als Behälter undifferenzierter Kreativität erlebt werden. Antonio Citterio sagt zu mir: “Giorgio, wir sollten einen Raum finden, wo wir alle Produkte unterbringen können, damit wir sehen, wie sie zusammen passen. Dabei haben wir gemerkt, wie schwierig es ist, die gesamte Produktion unter einen Hut zu bringen.” Von diesem Augenblick an entsteht ein echter Lifestyle von B&B Italia.

“Ich glaube, es ist richtig zu sagen, dass, wenn Du als Designer für B&B Italia arbeitest, das Aussehen Deines Produktes zur Familie von B&B Italia passen muss, und dabei Deinen Stil und Dein Engagement bei seiner Kreation zum Ausdruck bringen sollte. Um ein Kind zu zeugen, braucht man einen Vater und eine Mutter. Es ist nicht nur der Designer allein, der diese Dinge produziert.” Soweit Jay Osgerby, der zusammen mit Edward Barber einige Ikonen geschaffen hat, darunter den Tisch Tobi-Ishi.

In diesen Jahren beschließt das Unternehmen auch die Zusammenarbeit mit großen Namen der internationalen Architektur. Von Zaha Hadid, die 2007 das Moon System entworfen hat, bis David Chipperfield mit der Kollektion Posa, die dem Marquis de Posa, Heldenfigur im Don Carlos von Schiller, gewidmet ist. Gegenwärtig arbeiten weltweit 20 Designer für B&B Italia, darunter Naoto Fukasawa, Jasper Morrison, Jeffrey Bernett, Vincent Van Duysen und Doshi Levien.

“Die Welt verändert sich durch Design und das Design verändert ständig seine Form, seine Wichtigkeit, seine Bedeutung. Es ist erstaunlich zu sehen, dass viele Designer, die für B&B Italia arbeiten, keine Italiener sind. In diesem Zusammenhang darf ein Unternehmen nicht stehen bleiben, sondern muss Wege finden, um in dieser neuen Welt tätig zu sein. Das bedeutet finanzielle Partnerschaften, Zusammenarbeit. Die Vorstellung von der Welt muss sich ändern und weiter entwickeln”, meint Dejan Sudjic in seinem Bericht über den “Fall” B&B Italia.

B&B Italia. Poetry in the shape. When design meets industry.

“Bis gestern habe ich geglaubt, dass die Produktion von Möbeln in Brianza eine Frage von Leim, Holz, Farben und Geld sei… jetzt glaube ich zu wissen, dass sie etwas ganz anderes ist: Persönlichkeiten mit neuen Ideen und Horizonten, mit rauer Schale aber großer Fantasie, lebendig, abenteuerlustig und risikobereit, fast unglaublich in diesem Land der Bürokraten und Klienten.”

Giorgio Bocca
Nach einer Begegnung mit Piero Busnelli